Ritter, Karl
- Lebensdaten
- 1883 – 1968
- Geburtsort
- Dörflas (heute Marktredwitz, Oberfranken)
- Sterbeort
- Murnau am Staffelsee
- Beruf/Funktion
- Beamter ; Diplomat ; Jurist ; Funktionär
- Konfession
- evangelisch
- Normdaten
- GND: 129411191 | OGND | VIAF: 74931069
- Namensvarianten
-
- Ritter, Karl Johann
- Ritter, Karl
- Ritter, Karl Johann
- Ritter, Carl
- ritther, karl
- Ritter, Carl Johann
- ritther, karl johann
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Ritter, Karl Johann
1883 – 1968
Beamter, Diplomat, Jurist
Karl Ritter wurde für die Weltwirtschaftskonferenz in Genua 1922 in das Auswärtige Amt geholt und entwickelte sich in der Folgezeit zum wichtigsten Experten für Reparationsfragen und auswärtige Handelspolitik. Mit seinem Namen sind der Aufbau der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts, die Außenwirtschaftspolitik des NS-Staats und die Maßnahmen des Wirtschaftskriegs verbunden. 1949 wurde Ritter im Wilhelmstraßen-Prozess zu vier Jahren Haft verurteilt.
Lebensdaten
Karl Ritter, Politisches Archiv des AA (InC) -
Autor/in
→Martin Kröger (Berlin)
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Zitierweise
Kröger, Martin, „Ritter, Karl“ in: NDB-online, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd129411191.html#dbocontent
Nach dem Abitur an einem humanistischen Gymnasium in Kempten (Allgäu) studierte Ritter von 1901 bis 1905 Rechtswissenschaften, Geschichtswissenschaft und Geologie in München, Berlin und Erlangen. Eine berufliche Episode in der Berliner Redaktion der „Kölnischen Zeitung“ seit 1905 gab ihm die Möglichkeit zu Reisen nach Russland und Skandinavien. 1907 trat Ritter in den bayerischen Justiz- und Verwaltungsdienst ein, absolvierte 1910 das Assessorexamen und wurde 1911 mit der von Emil Sehling (1860–1928) betreuten Studie „Das koloniale Bergrecht“ an der Universität Erlangen zum Dr. iur. promoviert.
1912 trat Ritter in den Reichskolonialdienst ein und erlebte den Beginn des Ersten Weltkriegs als Mitarbeiter der zivilen Verwaltung des Schutzgebiets Kamerun in Buea. Im Militärdienst erwies er sich als felddienstunfähig und wurde im Garnisonsdienst in Elsass-Lothringen und Belgien eingesetzt. 1915 wechselte er als Hilfsarbeiter an die Reichsprüfungsstelle für Lebensmittelpreise und sammelte bis 1918 an wechselnden Dienststellen Kenntnisse in Kriegswirtschaftsverwaltung, Lebensmittelbewirtschaftung und Devisenbeschaffung. Nach Kriegsende war er im Reichsministerium der Finanzen für finanzielle Fragen bei der Umsetzung des Versailler Friedensvertrags zuständig (1920 Ministerialrat).
Zur Vorbereitung und Teilnahme an der Weltwirtschaftskonferenz in Genua wurde Ritter im Frühjahr 1922 durch Staatssekretär Edgar Haniel von Haimhausen (1870–1935) als Vortragender Legationsrat in das Auswärtige Amt (AA) berufen. Im Anschluss an die Konferenz übernahm er die Leitung der für ihn geschaffenen Sonderreferate für Wirtschaft und Reparationen, aus denen 1923 eine Wirtschaftsabteilung im AA hervorging (1924 Ministerialdirektor). 1925 wurde Ritter zum Kommissar für Wirtschaftsverhandlungen bestimmt und leitete darüber hinaus den interministeriellen handelspolitischen Ausschuss. In diesen Funktionen war er bis 1945 federführend bei allen Außenwirtschaftsfragen; kein Handels- oder Wirtschaftsvertrag wurde ohne seine maßgebliche Beteiligung abgeschlossen. Ritter befürwortete während der Weimarer Republik – in Gegensatz zu traditionellen Mitteleuropavorstellungen – eine von deutsch-französischer Verständigung getragene europäische Wirtschaftseinheit und unterstützte die Außenpolitik Gustav Stresemanns (1878–1929).
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 arrangierte sich Ritter mit den neuen politischen Verhältnissen und passte sich den imperialen Zielvorstellungen des NS-Regimes an. Im Zuge einer Reorganisation des AA erweiterte er seine Zuständigkeiten und baute 1936 eine eigenständige Handelspolitische Abteilung unter seiner Leitung auf; hierdurch verloren die Länderreferate sämtliche Zuständigkeiten für die auswärtige Wirtschaftspolitik. Im Dezember 1937 wurde Ritter als Botschafter nach Rio de Janeiro versetzt, wofür er nach 1945 Differenzen mit Außenminister Constantin von Neurath (1873–1956) geltend machte. Bereits im August 1938 wurde Ritter Wunsch der brasilianischen Regierung abberufen, nachdem Konflikte um die Aktivitäten der deutsch-brasilianischen Nationalsozialisten eine Krise verursacht hatten.
Zurück in Berlin, trat Ritter ca. 1939 der NSDAP bei und wurde durch Joachim von Ribbentrop (1893–1946) mit der – laut Ernennungserlass – „Leitung aller mit dem Wirtschaftskrieg zusammenhängenden Aufgaben im Auswärtigen Amt“ betraut. Er leitete 1939/40 Verhandlungen über die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsabkommen und bereitete im Juni 1940 eine Wirtschaftsunion mit Dänemark vor, fand jedoch keine tragfähige Lösung für dessen Sonderstatus. Ritter, der seit Oktober 1940 als Verbindungsmann des AA zum Oberkommando der Wehrmacht fungierte, war zudem in die Organisation der Ausplünderung besetzter Ostgebiete eingebunden. Zu seinen Mitarbeitern gehörten u. a. Wilhelm Mackeben (1892–1956), Vollrath von Maltzan (1899–1967) und Fritz Kolbe (1900–1971), der dem US-amerikanischen Nachrichtendienst Office of Strategic Services militärische und politische Informationen zutrug.
Nach Kriegsende wurde Ritter verhaftet, 1947 im Wilhelmstraßen-Prozess angeklagt und am 14. April 1949 zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er 1943 daran mitgewirkt hatte, die Erschießung alliierter Kriegsgefangener in Egersund (Norwegen) zu verschleiern. Dank der Verteidigung seines Strafverteidigers Erich Schmidt-Leichner (1910–1983) wurde Ritter von dem Vorwurf freigesprochen, an der Ermordung des französischen Generals Gustave Mesny (1886–1945) beteiligt gewesen zu sein. Ritter wurde bereits einen Monat nach der Urteilsverkündung entlassen, da ihm die Haftzeit seit 1945 angerechnet wurde, und lebte anschließend zurückgezogen in Murnau (Oberbayern).
Nachlass:
Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin. (Kopien von Teilen unveröffentlichter Lebenserinnerungen)
Weitere Archivmaterialien:
Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin. (Personalakten, Handakten)
Quellenedition:
Akten zu deutschen auswärtigen Politik 1918–1945. Aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes, Serien A–E. (Onlineressource)
Das koloniale Bergrecht, 1911. (Diss. iur.) (Onlineressource)
Neu-Kamerun. Das von Frankreich an Deutschland im Abkommen vom 4. November 1911 abgetretene Gebiet. Beschrieben auf Grund der bisher vorliegenden Mitteilungen von Dr. Karl Ritter, 1912. (Onlineressource)
Germany’s Experience with Clearing Agreements, in: Foreign Affairs 14 (1935/36), S. 465–475. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
Karl Heinrich Pohl, Weimars Wirtschaft und die Außenpolitik der Republik 1924–1926. Vom Dawes-Plan zum Internationalen Eisenpakt, 1979.
Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, 1985.
Hans-Jürgen Perrey, Der Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft. Die deutsch-sowjetischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des Ost-West-Handels, 1985.
Peter Grupp, Art. „Ritter, Karl“, in: Wolfgang Benz/Hermann Graml (Hg.), Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, 1988, S. 273.
Heinrich Schwendemann, Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion von 1939 bis 1941. Alternative zu Hitlers Ostprogramm?, 1993.
N. N., Art. „Ritter, Karl“, Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945, hg. v. d. Auswärtigen Amt, Bd. 3, bearb. v. Gerhard Keiper/Martin Kröger, 2008, S. 684 f. (P)
Sebastian Weitkamp, Braune Diplomaten. Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der „Endlösung“, 2008, bes. S. 339–354 u. 371–385.