Stern, Fritz

Lebensdaten
1926 – 2016
Geburtsort
Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)
Sterbeort
New York City
Beruf/Funktion
Historiker ; Hochschullehrer
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 119491133 | OGND | VIAF: 108782564
Namensvarianten

  • Stern, Fritz Richard
  • Stern, Fritz
  • Stern, Fritz Richard
  • Fu li ci Si te en
  • Fulici-Siteen
  • Siteen, Fulici
  • Stern, Fritz R.
  • Štern, Fric
  • Štirn, Frīts
  • Sthern, Fritz
  • Sthern, Fritz Richard
  • Sthern, Fritz R.
  • Šthern, Fric

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Zitierweise

Stern, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119491133.html [03.04.2025].

CC0

  • Stern, Fritz Richard

    1926 – 2016

    Historiker

    Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern zählt zu den herausragenden Vertretern seines Fachs im 20. Jahrhundert. Mit seiner Synthese aus kultur-, politik- und wirtschaftshistorischen Ansätzen reformierte er das Geschichtsbild des 19. und 20. Jahrhunderts und trug wesentlich zur Analyse der Ursachen des Nationalsozialismus bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich mit seinen politischen Stellungnahmen und wissenschaftlichen Leistungen für eine deutsch-amerikanische Verständigung ein.

    Lebensdaten

    Geboren am 2. Februar 1926 in Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)
    Gestorben am 18. Mai 2016 in New York City
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Fritz Stern, Imago Images (InC)
    Fritz Stern, Imago Images (InC)
  • 2. Februar 1926 - Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)

    1936 - 1938 - Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)

    Schulbesuch

    Maria-Magdalenen-Gymnasium

    März 1938 - New York City

    Emigration der Familie

    1938 - 1944

    Schulbesuch

    High School

    1944 - 1944 - New York City

    Vorbereitungskurs für das Studium der Medizin

    Columbia University

    1944 - 1948 - New York City

    Studium der Geschichts- und Politikwissenschaft (Abschluss: 1946 Bachelor of Arts; 1948 Master of Arts)

    Columbia University

    1949 - 1951 - New York City

    Instructor

    Columbia University

    1951 - 1953 - Ithaca (New York, USA)

    Acting Assistant Professor

    Cornell University

    1953 - New York City

    Promotion (Ph. D.)

    Columbia University

    1954 - Berlin-West

    Gastprofessor

    Freie Universität

    1954 - 1963 - New York City

    Assistant Professor für Geschichtswissenschaft

    Columbia University

    1957 - 1958 - Stanford (Kalifornien, USA)

    Fellow

    Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences der Stanford University

    1963 - 1967 - New York City

    ordentlicher Professor

    Columbia University

    1966 - 1967 - Washington, DC

    Consultant

    U. S. Department of State

    1967 - 2016 - Konstanz

    ständiger Gastprofessor

    Universität

    1967 - 1997 - New York City

    Seth Low Professor

    Columbia University

    1969 - 1970 - Princeton (New Jersey, USA)

    Gastprofessor

    Princeton University

    1993 - 1994 - Berlin

    Senior Advisor

    Botschaft der USA

    1995 - München

    Gastprofessor

    Universität

    2000 - Mainz

    Inhaber

    Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur der Universität

    2007 - Jena

    Gastprofessor

    Jena Center. Geschichte des 20. Jahrhunderts der Universität

    18. Mai 2016 - New York City

    Stern wuchs in einer deutsch-jüdischen Familie in Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen) auf, wo er seit 1936 das Maria-Magdalenen-Gymnasium besuchte. Im März 1938 emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Nach dem Abschluss der High School in New York City 1944 nahm Stern an einem Vorbereitungskurs für das Medizinstudium an der Columbia University in New York City teil, gab aber sein Vorhaben, Medizin zu studieren noch im selben Jahr auf und absolvierte ein Studium der Geschichts- und Politikwissenschaft, u. a. bei Emigranten wie Hajo Holborn (1902–1969) und Franz Neumann (1900–1954). Die von diesen praktizierte Verbindung von Sozial-, Politik- und Ideengeschichte prägte Sterns methodische Offenheit.

    1946 schloss Stern sein Studium mit dem Bachelor of Arts ab, 1948 folgte der Master of Arts an der Columbia University. 1953 wurde er hier bei 1953 an der Columbia University bei Jacques Barzun (1907–2012) mit der Arbeit „The Politics of Cultural Despair“ (1961) zum Ph. D. promoviert. Von 1949 bis 1951 war Stern als Instructor an der Columbia University, von 1951 bis 1953 als Acting Assistant Professor an der Cornell University in Ithaca (New York, USA) tätig. Nach einem Semester als Gastprofessor an der Freien Universität in Berlin-West 1954 kehrte er im selben Jahr als Assistant Professor für Geschichtswissenschaft, mit einem Schwerpunkt auf deutsche und europäische Geschichte, an die Columbia University zurück, wurde hier 1963 zum ordentlichen Professor und 1967 zum Seth Low Professor ernannt, nachdem er Angebote von der Princeton University (New Jersey, USA) und Stanford University (Kalifornien, USA) abgelehnt hatte. 1969/70 übernahm er eine Gastprofessur an der Princeton University (New Jersey, USA).

    Mit seinem ersten großen Werk, „The Politics of Cultural Despair“ (1961), etablierte sich Stern als führender Ideenhistoriker. In der Arbeit analysierte er Werke der Kulturkritiker Paul de Lagarde (1827–1891), Julius Langbehn (1851–1907) und Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) und zeigte, wie diese Denker mit ihrer Ablehnung der Rationalität und ihrer Hinwendung zu mystischen und völkischen Ideen den ideologischen Boden für den Aufstieg des Nationalsozialismus bereitet hatten. In den USA wurde das Werk gelobt, weil es Zusammenhänge zwischen geistigen Strömungen und politischen Umbrüchen aufzeigt. In der Bundesrepublik stieß Sterns Kritik am deutschen Bildungsbürgertum anfänglich auf Zurückhaltung; seit den 1970er Jahren, als sich die Forschung hier stärker mit den ideologischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus zu befassen begann, wurde das Werk aber als bahnbrechend anerkannt.

    Mit seinem zweiten Hauptwerk „Gold and Iron. Bismarck, Bleichröder, and the Building of the German Empire“ wandte sich Stern 1977 der Wirtschaftsgeschichte zu. Im Zentrum der Untersuchung steht die Beziehung zwischen Otto von Bismarck (1815–1898) und seinem jüdischen Bankier Gerson von Bleichröder (1822–1893). Stern schilderte, wie Politik und Finanzkapital den Aufstieg des Kaiserreichs begleitet hatten, und beleuchtete die sozialen Spannungen der jüdischen Emanzipation.

    Sterns Lebensgeschichte verlieh seinen Arbeiten, die bald auch in das Deutsche übersetzt wurden, eine Dringlichkeit, ohne deren Objektivität zu mindern. Im Laufe seiner Karriere wurde Stern zu einem viel gehörten und geehrten Brückenbauer zwischen den USA und der Bundesrepublik. Als Public Intellectual sah er es als seine Aufgabe an, den Dialog zwischen beiden Nationen zu stärken und die historische Verantwortung Deutschlands in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Stern war von 1967 bis 2016 ständiger Gastprofessor an der Universität Konstanz, übernahm 1995 Gastprofessuren an der Universität München und 2007 an der Universität Jena und war 2000 Inhaber der Johannes Gutenberg Stiftungsprofessur an der Universität Mainz.

    Als Berater europäischer und US-amerikanischer Politiker und Institutionen mahnte Stern unermüdlich vor den Gefahren von Nationalismus und Totalitarismus. Als Teil einer Beratergruppe versuchte er 1990 vergeblich, Margaret Thatcher (1925–2013) von einer Abkehr von ihrer Ablehnung der deutschen Wiedervereinigung zu überzeugen. In Deutschland hielt er wichtige Reden, u. a. 1987 im Deutschen Bundestag anlässlich einer Gedenkstunde zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR und am 20. Juli 2010 anlässlich der Feierstunde der Bundesregierung bei Gedenkveranstaltungen zum 66. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats im Ehrenhof des Bendlerblocks in Berlin. Stern stand in engem Kontakt zu deutschen, europäischen und US-amerikanischen Politikern und Intellektuellen, darunter Ralf Dahrendorf (1929–2009) und Jürgen Habermas (geb. 1929), und veröffentlichte politische und zeitgeschichtliche Werke mit Politikern wie Helmut Schmidt (1918–2015) und Joschka Fischer (geb. 1948). Stern prägte mehrere Generationen US-amerikanischer Deutschlandhistoriker, darunter Renate Bridenthal (geb. 1935) und Marion Kaplan (geb. 1946).

    1976 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (mit Stern 2004; und Schulterband 2006) (weiterführende Informationen)
    1982–2016 Fellow des Leo Baeck Institute, New York City
    1985 Dr. h. c., Universität Oxford (Großbritannien)
    1987–2016 Mitglied des Academic Advisory Board des Institute for Human Sciences, Wien
    1988 Mitglied der American Philosophical Society (weiterführende Informationen)
    1988 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt (weiterführende Informationen)
    1994 Mitglied des Ordens Pour le mérite für Wissenschaft und Künste (weiterführende Informationen)
    1996 Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen
    1999 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
    2002 Dr. h. c., Universität Wrocław (Polen)
    2004 Leo-Baeck-Medaille
    2005 Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung
    2007 Dr. h. c., Universität Princeton (New Jersey, USA)
    2007 Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin
    2009 Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung der Wochenzeitung „Die Zeit“, der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Marion-Dönhoff-Stiftung
    2013 Dr. h. c., Universität Oldenburg (weiterführende Informationen)
    2021 Fritz-Stern-Lehrstuhl für Deutschland und transatlantische Beziehungen der Brookings-Institution, Washington, DC

    Nachlass:

    Fritz Stern Papers, Rare Books & Manuscript Library, Columbia University Library, New York City.

    The Varieties of History. From Voltaire to the Present, 1956, dt. Geschichte und Geschichtsschreibung. Möglichkeiten, Aufgaben, Methoden. Texte von Voltaire bis zur Gegenwart, 1966. (Hg.)

    The Politics of Cultural Despair. A Study in the Rise of the Germanic Ideology, 1961, dt. Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland, 1963, Neuausg. 2005. (Ph. D.-Arbeit)

    Bethmann Hollweg und der Krieg. Die Grenzen der Verantwortung, 1968.

    The Failure of Illiberalism. Essays on the Political Culture of Modern Germany, 1972, dt. Das Scheitern illiberaler Politik. Studien zur politischen Kultur Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, 1974.

    Um eine neue deutsche Vergangenheit, 1972.

    Gold and Iron. Bismarck, Bleichröder, and the Building of the German Empire, 1977, dt. Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder, 1978, Neuausg. 2012.

    Dreams and Delusions. The Drama of German History, 1987, dt. Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht. Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, 1988, Neuausg. 2006.

    Verspielte Größe. Essays zur deutschen Geschichte, 1996, ³2005.

    Das feine Schweigen. Historische Essays, 1999.

    Der Westen im 20. Jahrhundert. Selbstzerstörung, Wiederaufbau, Gefährdungen der Gegenwart, 2008.

    Helmut Schmidt/Fritz Stern, Unser Jahrhundert. Ein Gespräch, 2010.

    Elisabeth Sifton/Fritz Stern, Keine gewöhnlichen Männer. Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler, 2013.

    Joschka Fischer/Fritz Stern, Gegen den Strom. Ein Gespräch über Geschichte und Politik, 2013.

    Zu Hause in der Ferne. Historische Essays, 2015.

    Biografisches:

    The Fragmented People That Is Germany, in: Commentary 20 (1955), S. 137–147.

    Five Germanys I Have Known, 2006, dt. Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen, 2007.

    Not Exile, but a New Life, in: Andreas Daum/Hartmut Lehmann/James J. Sheehan (Hg.), The Second Generation. Émigres from Nazi Germany as Historians, 2016, S. 79–81.

    Zu Hause in der Ferne. Historische Essays, 2015.Das war keine Heimat mehr, in: Norbert Frei (Hg.), Die Geschichte ist offen. In memoriam Fritz Stern, 2017, S. 100 f.

    Karl Dietrich Bracher, Meister der zweiten Chance. Fritz Stern, der Historiker der deutschen Ideen- und Machtgeschichte, wird siebzig, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 28 v. 2.2.1996, S. 31.

    Henning Ritter, Das Versprechen der zweiten Chance. Er ist der große Kenner der liberalen Tradition Deutschlands. Der Historiker Fritz Stern wird achtzig Jahre alt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 28 v. 2.2.2006, S. 39.

    Gangolf Hübinger, Fritz Stern zwischen Europa und Amerika. Eine Fallstudie zum Geschichts-Intellektuellen, in: Peter Burschel (Hg.), Intellektuelle im Exil, 2011, S. 219–240.

    Steven E. Aschheim, The Tensions of Historical „Wissenschaft“. The Émigré Historians and the Making of German Cultural History, in: Andreas Daum/Hartmut Lehmann/James J. Sheehan (Hg.), The Second Generation. Émigrés from Nazi Germany as Historians, 2016, S. 177–196.

    Volker Berghahn, Fritz Stern (1926–2016), in: Central European History 19 (Dez. 2016), Nr. 3/4, S. 308–321.

    Jeffrey Herf, From the Margins to the Mainstream. Refugees and the Successors on the Jewish Question, Antisemitism, and the Holocaust in German History, in: ebd., S. 197–209.

    Norbert Frei (Hg.), Die Geschichte ist offen. In memoriam Fritz Stern, 2017.

    Matthias Krämer, Westernisierung der Geschichtswissenschaft. Transatlantische Gastprofessoren im Umfeld der Historischen Zeitschrift, 2021.

    Anna Corsten, Unbequeme Erinnerer. Emigrierte Historiker in der westdeutschen und US-amerikanischen NS- und Holocaust-Forschung, 1945–1998, 2023.

    Nachrufe:

    Urs Bitterli, Der Historiker Fritz Stern ist tot, in: Tagesanzeiger v. 18.5.2016.

    Klaus Hillenbrand, New Yorker aus Breslau, in: taz. die tageszeitung v. 18.5.2016.

    Hannes Stein, Er war der Schutzengel der freien Welt, in: Die Welt v. 18.5.2016.

    Patrick Bahners, Ein Alliierter der Vernunft. Zum Tod von Fritz Stern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.5.2016.

    Hermann Rudolph, Zum Tod von Fritz Stern. Beobachten und Teilhaben, in: Tagesspiegel v. 19.5.2016.

    Thorsten Schäfer-Gümbel, Fritz Stern glaubte an Deutschland und Europa, in: vorwärts v. 20.5.2016.

    Max Vögler, Fritz Stern (1926–2016). Ein Nachruf, in: H-Soz-Kult v. 24.5.2016. (Onlineressource)

    Norbert Frei, Er glaubte an Vorbilder, in: Die Zeit, Nr. 23 v. 25.5.2016.

    Elisabeth von Thadden, Ein kritischer Freund. Nachruf Fritz Stern, in: ebd.

    Dokumentarfilme:

    Fritz Stern. Mein Leben, ZDF/arte 2007, Regie: Jean Boué.

    Die Brückenbauer Henry Kissinger, Fritz Stern und Lord George Weidenfeld. Jüdische Emigranten und die Wiedervereinigung. Dokumentation, ARD 2010, Buch u. Regie: Evi Kurz.

    Wir sind Juden aus Breslau, 2016, Regie: Karin Kaper/Dirk Szuszies.

    Fotografien, 1987–2010, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs.

  • Autor/in

    Anna Corsten (Jena)

  • Zitierweise

    Corsten, Anna, „Stern, Fritz“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2025, URL: https://www.deutsche-biographie.de/119491133.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA