Witigonen

Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
böhmische Magnatenfamilie
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 124910181 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Wittigonen
  • Vítkovci
  • Vitkonides
  • Witigonen
  • Wittigonen
  • Vítkovci
  • vitkovci
  • Vitkonides

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Zitierweise

Witigonen, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd124910181.html#indexcontent [07.05.2026].

CC0

  • Witigonen (Wittigonen, Vítkovci, Vitkonides)

    |böhmische Magnatenfamilie. (katholisch)

  • Biographie

    Historisch belegter Ahnherr der W. war der wohl aus Mittelböhmen stammende Adlige Witek bzw. Witiko (Witek v. Purschitz, Witek I. v. Prčitz, Vítek I. z Přice, Vitus, 1194). Nach 1181 sind die lat. Form Witigo und die dt. Variante Witiko belegt. Möglicherweise für eine kirchliche Karriere mit Latein- und Deutschkenntnissen in Passau ausgebildet, gelangte der auch als Anführer eigener Reiter- und Fußtruppen auftretende Gefolgsmann von Kg. Vladislav (um 1160–1222) in einflußreiche Positionen am Prager Hof. 1169 wurde er Truchseß und begleitete 1172 den Prager Bischof Friedrich I. (reg. 1168–79) bei Gesandtschaften zu Ks. Friedrich I. (um 1122–90).

    Vier Jahre später erscheint er als Burggraf von Glatz (Kłodzko); ab 1182 nannte er sich nach seinem Herrschaftssitz Purschitz (Prčitz, Prčice) bei Sedletz (Sedlec). Vor 1184 übernahm er auch das Burggrafamt von Prachen (Prácheń) in Südböhmen. Witek/Witigo blieb während der Auseinandersetzungen in der Přemyslidenfamilie um die Herrschaft in Böhmen einer der wichtigsten Höflinge. Er und seine Nachkommen erwarben zahlreiche Herrschaftssitze, umfangreichen Grundbesitz und Hoheitsrechte in Südböhmen, Mähren, teilweise auch in Ost- und Westböhmen sowie in der Region Troppau (Opava). Sie beteiligten sich intensiv an der Binnenkolonisation bzw. Erschließung im südböhm.-österr. Gebiet, bauten neue, steinerne Burgen und gründeten Eigenkirchen und Klöster wie z. B. Hohenfurt (Vyšší Brod) und Frauenthal (Pohled) nahe Deutschbrod (Havlíčkův Brod).

    Witeks/Witigos ältester Sohn war vermutlich Witek d. Ä. (Vítek starší, belegt bis 1213), böhm. Kammerherr. Sein Sohn Zawisch von Nechanitz (Závišz Nechanic, um 1257), 1233–36 Unterkämmerer mit Besitz in Ostböhmen, sowie dessen Söhne Budiwoj von Krumau und Skalitz (Budivoj z Krumlova a ze Skalice, 1272) und Witiko von Krumau und Sepekau (Vítek z Krumlova a Sepekova, 1277) erweiterten um 1240 den neuen Stammsitz auf Burg Krumau (Český Krumlov) und begründeten die Linie der Herren von Krumau (Páni z Krumlova). Budiwojs Söhne standen ebenfalls dem Prager Hof nahe.

    Witiko II. von Krumau und Frauenberg (Vítek II. z Krumlova a Hluboké, 1290), 1284 Unterkämmerer und seit 1285 Burggraf von Frauenberg (Hluboká nad Vltavou), später Burggraf von Znaim (Znojmo), wurde 1288 Oberstlandmarschall von Böhmen.

    Dessen Bruder Zawisch von Falkenstein (Záviš z Falkenštejna, fälschlich auch Zawisch von Rosenberg, 1290), Burgherr von Falkenstein im Mühlviertel sowie passau. und österr. Lehensmann, führte 1276 einen Aufstand der W. zusammen mit österr., steiermärk. und anderen südböhm. Adligen gegen den mit Reichsacht und Exkommunikation belegten Přemysl Ottokar II. (1232/33–78) an. Die W. verwüsteten die südböhm. Burgen und Städte des Königs sowie sein 1263 gegründetes Kloster Goldenkron (Zlatá Koruna).

    In dem Konflikt ging es um Rechte, Besitz und Einfluß, v. a. in Südböhmen, aber auch um die Stellung des Adels im Rahmen des Herrschaftssystems. 1277 erlitten die W. eine Niederlage und verloren teilweise ihren Besitz und ihre Ämter am Prager Hof. Während die Rosenberger W. begnadigt wurden, zogen sich Zawisch, Hojer II. von Lomnitz (Ojíř II. z Lomnice, nach 1300) und andere in den Schutzbereich Rudolfs von Habsburg (1218–91) zurück. Nach dem Tod von Přemysl Ottokar II. zerstörte Zawisch 1279 erneut die kgl. Neugründung Böhmisch Budweis (České Budě jovice) und verbündete sich mit der Königinwitwe Kunigunde von Halitsch (Kunigunde von Ungarn, Kunhuta Haličská, 1245/46–85), die erst von Burg Grätz (Hradec nad Moravicí) bei Troppau, dann von Mähren aus versuchte, sich gegen den Vormund Otto V. von Brandenburg ( 1298/99) ihres minderjährigen Sohnes Wenzel II. (1271–1305) zu behaupten. Zawisch, 1280 Burggraf von Grätz, wurde ihr Berater, ihr heimlicher und 1285 offizieller, wenn auch nicht standesgemäßer Ehemann. 1283–88 hatte Zawisch als Erzieher des Königs und Führer des böhm.-mähr. Adels eine dominante Stellung in Böhmen und trug zur Rückgewinnung von Königsgut bei. Nach Kunigundes Tod heiratete Zawisch, inzwischen|Besitzer der Burg Fürstenberg (Svojanov) in Ostböhmen, 1288 die Königstochter Elisabeth von Ungarn (Alžběta Kumánka, Alžběta Uherská, Árpád Erzsébet, um 1319), eine Nichte von Kunigunde. 1287 hatte Wenzel II. die Herrschaft in Böhmen übernommen und sich gegen die W. gewendet. Mit Unterstützung Rudolfs von Habsburg ging Wenzel gegen die Adelsopposition und v. a. gegen Zawisch vor, der 1288 gefangen genommen, in einem Prozeß wegen eines geplanten Königsmords verurteilt, enteignet und 1290 hingerichtet wurde.

    Ein weiterer Sohn Witeks/Witigos war Witek der Jüngere von Purschitz (Witiko von Blankenberg, Vítek mladší z Prčice a Blankenberga, 1256), der um 1192 Kunigunde, die Witwe Engelberts II. von Blankenberg ( spätestens 1192) heiratete, auf Burg Blankenberg im heutigen Oberösterreich saß und im Mühlviertel Lehnsmann des Bischofs von Passau und des Herzogs von Österreich war. Im Hofdienst der Könige Přemysl Ottokar I. (um 1160/65–1230) und Wenzel I. (1205–53) wurde er um 1243 Oberstlandkämmerer von Böhmen und war zeitweise Landschreiber der Steiermark bzw. des Gebiets ob der Enns. Zu seinen Söhnen gehörten Witiko I. von Pribenitz (Witek von Pribenitz, Vítek I. z Příběnic, um 1259), der im Mühlviertel begüterte Zacharias von Purschitz und Blankenberg (Zachař z Prčice a Plankenberka) und Wok I. von Rosenberg (Vok I. z Rožmberka, 1262).

    Wok war seit 1255 Oberstlandmarschall von Böhmen, leitete 1256/57 den Feldzug nach Bayern, erbte den Besitz seines Bruders Witiko I. von Pribenitz und stiftete 1259 zusammen mit Vertretern anderer Linien der W. das Zisterzienserkloster Hohenfurt als gemeinsame Familiengrablege. 1260 belehnt mit der Herrschaft Raabs an der Thaya, stand er an der Spitze der přemyslid. Militärverwaltung in Österreich und wurde Landrichter ob der Enns bzw. 1261 Landeshauptmann der Steiermark. Wok ließ den Familiensitz auf Burg Rosenberg (Rožmberk) bei Krumau (Český Krumlov) ausbauen und begründete die Linie der Herren von Rosenberg (Páni z Rožmberka, s. NDB 22), die zu dem nach dem Königshaus hochrangigsten Adelsgeschlecht mit dem größten Grundbesitz Böhmens aufstiegen. Zu Woks Söhnen gehörten Witiko von Rosenberg (Witek II. von Pribenitz, Vítek II. z Příběnic, Vítek z Rožmberka, 1277) und Heinrich I. von Rosenberg (Jindřich I. z Rožmberka, 1310), der 1277 zum witigon. Adelswiderstand gegen Přemysl Ottokar II. zählte, diesen aber trotzdem 1278 in der Schlacht bei Dürnkrut (auf dem Marchfeld) mit Truppen unterstützte. Seit 1301 Oberstlandkämmerer von Böhmen, wurde Heinrich 1302 von Kg. Wenzel II. der Besitz der ausgestorbenen Krumauer W. übertragen, woraufhin er seinen Herrschaftssitz von Burg Rosenberg nach Krumau verlegte.

    Ein weiterer Sohn von Witek/Witigo, Heinrich von Hradetz (Heinrich I. von Neuhaus, Jindřich I. z Hradce, Henricus de Nouvo castro, 1237), begründete den Familienzweig der Herren von Neuhaus (Páni z Hradce).

    Heinrich gehörte zum engeren Hof von Přemysl Ottokar I., und war 1185 Oberststallmeister. 1213 im Gefolge des böhm. Königs bei dessen Treffen mit Friedrich II. in Regensburg, 1217–22 Oberstlandmarschall von Böhmen, besaß Heinrich auch Güter in Mähren und wurde im Zisterzienserkloster Welehrad (Velehrad) begraben. Sein Sohn Witek I. von Neuhaus (Witiko I. von Hradetz, Vítek I. z Hradce, nach 1259), 1247 wohl Burggraf bzw. Kämmerer von Olmütz (Olomouc), war einer der führenden Magnaten am Hof Wenzels I. und bei dessen um die Mitherrschaft kämpfenden Sohn Přemysl Ottokar II. Witek I. nahm 1254 an den Friedensverhandlungen mit Ungarn und 1254/55 am Feldzug nach Preußen teil. Die Ritter des Dt. Ordens waren auch auf seiner Herrschaft in Südböhmen privilegiert und in die lokale Erschließungspolitik eingebunden. Sein Sohn Ulrich I. von Neuh1302aus (Ulrich von Hradetz, Oldřich z Hradce, nach 1282) beteiligte sich ebenfalls mit Gefolgsleuten am Preußenzug sowie 1260 an der Schlacht von Kressenbrunn gegen Ungarn und prägte bis 1269 als Unterkämmerer die böhm. Finanz- und Städtepolitik. Dessen Bruder Dietrich von Neuhaus (Theoderich von Hradetz, Dětřich z Hradce, ) war seit 1281 Bischof von Olmütz. Von Sezema von Amschelberg (Sezema z Kosové Hory, um 1259), einem Bruder von Witek I. von Neuhaus, ging die bis zum Ende des 15. Jh. bestehende witigon. Seitenlinie der Herren von Straz (von Platz, Páni ze Stráže) auf Burg Platz (Stráž nad Nežárkou) aus.

    Als weiterer Sohn des Witek/Witigo gilt Witek von Klokot (Witiko von Klokot, Vítek z Klokot, Witigo de Glokgot, nach 1236), auf den die Herren von Landstein (Páni z Landštejna) und von Wittingau (Páni z Třeboně) zurückgehen. Sein Sohn Hojer I. von Lomnitz (Ojíř z Lomnice, um 1274) unterstützte mit seiner Reiterei Přemysl Ottokar II. bei Feldzügen, so 1257 in Bayern und 1260 in der Schlacht von Kressenbrunn. Der Enkel Hojer II. von Lomnitz (Ojíř II. z Lomnice, nach 1300) beteiligte sich seit 1277 am Aufstand des Zawisch von Falkenstein, entzog sich dann den königlichen Verfolgungen und kehrte 1284–

    89 als Oberstkämmerer von Böhmen an den Prager Hof zurück. Katharina von Lomnitz (Kateřina z Lomnice, 1272), eine Schwester von Hojer I., war bis 1264 Äbtissin des Klosters Himmelspforte (Porta Coeli) bei Tischnowitz (Tišnov) und dann Gründungsäbtissin des Zisterzienserinnenklosters Frauenthal nahe Deutschbrod, das von ihrer Schwester Ludmilla von Altreisch (Ludmila ze Říše, nach 1266), weiteren Verwandten sowie von Přemysl Ottokar II. und dessen Frau Kunigunde finanziert wurde. Die Söhne und Enkel des Witek von Klokot erwarben nach 1250 neben Landstein und Wittingau (Třeboň) auch die südböhm. Grenzburg Gratzen (Nové Hrady) und sicherten damit die Grenzverschiebungen Böhmens nach Österreich.

    Die W. bestanden somit in männlicher Linie über das 13. Jh. hinaus in ihren vier Hauptzweigen der Herren v. Krumau (bis 1302), v. Rosenberg (bis 1611), v. Neuhaus (bis 1604) und v. Landstein (bis 1381/1478) fort. Unter den W. aller Zweige kam der Name Witek (der kleine Veit) im 12. Jh. und in der ersten Hälfte des 13. Jh. häufig auf, oft sogar bei den Erstgeborenen. Er stellt einen Bezug zum Patrozinium des Prager Veitsdoms her und war somit Ausdruck einer religiösen und herrschernahen Familienkonzeption. Die engen familiären Bindungen der W. zwischen den Familien Krumau, Rosenberg, Neuhaus und Landstein-Wittingau, Straz, Sezema von Ausk (Sezimové z Ústí) und weiterer Zweige sind sowohl durch das gemeinsame Wappen einer fünfblättrigen Rose mit unterschiedlicher Tinktur als auch durch Quellen über Familienberatungen seit 1220 belegt. Für den böhm. Adel ungewöhnlich waren die frühe Verwendung einer Gruppenbezeichnung (Vitkonides, 1276) und zumindest für das 13. Jh. eine ausgeprägte Familienpolitik.

    Obwohl Witek/Witigo Hofämter übernommen und von seiner Stellung als Burggraf profitiert hatte, erfolgte der nach 1264 zunächst verzögerte Aufstieg der W. weniger über landesherrliche Ämter als über die Nähe und Anwesenheit am Prager Hof sowie über ihre militärische Beteiligung. Die W. wirkten im späten 13. Jh. in Böhmen maßgeblich an der politischen Neugestaltung der Beziehungen zwischen Adel und Herrscher mit. Viele W. standen stauf. Positionen nahe und unterhielten engere familiäre Beziehungen nach Bayern und Österreich als andere böhm. Adelsgeschlechter ihrer Zeit. Das Verhältnis zu Rudolf von Habsburg war ambivalent, da dieser anfangs die W. bzw. die böhm. Adelsopposition, nach 1286 aber Wenzel II. unterstützte. Die W. nutzten lange gemeinsam mit den přemyslid. Herrschern das neue machtpolitische und ökonomische Potential, das sich gerade für Südböhmen mit dem böhm. Ausgreifen nach Österreich ergab. Der Ausbau der lokalen Machtbasis und der ökonomischen Verfügungsmöglichkeiten zeigte sich im Aufbau eigener Gutsherrschaften und führte zu einer ersten Territorialisierung des Besitzes und der Rechte der Magnaten. Bedeutende Repräsentanten der Familie waren Witek von Neuhaus, Wok von Rosenberg und Ulrich von Neuhaus, aber auch Woks Witwe Hedwig von Schaunberg (Hedvika ze Schaunberka, 1315), die für ihre minderjährigen Söhne zeitweise die Rosenberger Besitzungen verwaltete. Einen Sonderfall stellte Zawisch von Falkenstein durch seine royalen Eheverbindungen und seine kurzzeitige große Machtstellung in Böhmen um 1285 dar.

    Bis heute sind die Vorstellungen über Witek/Witiko und die W. von der Rosenberg-Chronik von Václav Březan (1568–1618), den genealogischen Konstruktionen der Herren von Rosenberg und der Diskussion über das Verhältnis zwischen Böhmen und dem Hl. Röm. Reich im Hochmittelalter beeinflußt.

    Die Grundlagen zur historischen Erforschung der W. legte František Palacký (1798–1876) nach 1823. In der dt.sprachigen Geschichtsforschung des 19. Jh. herrschte die Annahme vor, Witek sei ein aus Bayern oder Österreich gekommener Adliger und habe im Dienst böhm. Herrscher die Basis zur wirtschaftlichen und kulturellen Erschließung bzw. Kolonisation und Germanisierung Südböhmens gelegt. Die W. wurden als Anhänger der Staufer, wegen ihrer Verbindungen mit dem Herzog von Österreich, der Anwerbung dt.sprachiger Siedler und der Aufstände des Zawisch als dt. Gegenposition zu einer slaw. Herrschaft der Přemysliden in Böhmen und Mähren bzw. in Mitteleuropa interpretiert.

    Einzelne Vertreter der W., der Herren von der Rose (Páni z Růže), wurden seit dem 19. Jh. in tschech. Romanen, Dramen, Opern und Filmen thematisiert, so in der 1882 uraufgeführten Oper „Teufelswand“ von Friedrich (Bedřich) Smetana. Besondere Beachtung fand v. a. Zawisch von Falkenstein. Ihm und den W. insgesamt widmete vor 1863 u. a. auch August Peters (1817–1864) historische Romane.

    Adalbert Stifter (1805–1868) thematisierte die W. in seiner Erzählung „Hochwald“ (1842) und in seinem historischen Roman „Witiko“ (1865–67), dem ersten und einzigen Teil einer geplanten Trilogie. Witek/Witiko wird hierin als in Passau erzogener böhm. Adliger altröm. Herkunft in seinen Konflikten als militärischer Akteur, am Prager Hof und als re|gionaler Machthaber mit seinen Untergebenen geschildert, um geschichtsphilosophische und moralische Kategorien, den Vorrang von Recht vor Macht und Krieg sowie die Einbettung des Individuums in Familie und Gemeinschaft zu veranschaulichen. Witiko ist als anationale böhm., aber auch österr. Integrationsfigur angelegt. Stifter vermittelte für das Böhmen des 12. Jh. – historisch teilweise unzutreffend – eine dt.-tschech. Symbiose und v. a. eine mittels gestufter ständischer Mitbestimmung aller Bevölkerungsschichten legitimierte Herrschaft. Stifters konservative Grundtendenz von der Monarchie als gerechter Herrschaft verbindet sich dabei mit liberalem und demokratischem Reformdenken der Jahre zwischen 1848 und 1867.

    Die Literarische Adalbert-Stifter-Gesellschaft in Eger (Cheb) griff nach 1918 den Werktitel mit ihrem Periodikum „Witiko, Zeitschrift für Kunst und Dichtung“ (3 Jgg., 1928–31) auf und versuchte unter ihren Herausgebern Josef Mühlberger (1903–1985) und Johannes Stauda (1887–1972) für die Tschechoslowakei und Mitteleuropa ein übernationales Kulturverständnis zu propagieren und zu praktizieren.

    Von Hermann Bahr (1863–1934) und anderen wurde Stifters Roman nach dem 1. Weltkrieg hingegen als konservative Utopie der Tugenden Pflicht, Treue, Gehorsam und Gemeinschaft sowie als Vorbild militärisch-moralischen Handelns gedeutet. Auch für die 1940/41 entstandene Witiko-Symphonie (op. 89) Isidor Stögbauers (1883–1966), die erst 1984 in Linz ihre Uraufführung erfuhr, bildete der Roman den Ausgangspunkt.

    Die dt.national-konservativen, teilweise völkisch-nationalistischen Strömungen der vertriebenen Sudetendeutschen fanden sich nach 1948 in der Bundesrepublik Deutschland in einer „nationalen Gesinnungsgemeinschaft“ zusammen, die sich seit 1950 Witikobund nennt. Ebenso wie der Jugendverband „Junge Witikonen“ und die Vereinszeitschrift „Witiko-Brief“ (seit 1958) bezog man sich dabei auf Stifters Romanfigur in der Fehldeutung eines dt. Kulturbringers und nationalen Helden des german.-slaw. „Grenzlandkampfs“.

  • Literatur

    L W. Březan, Rosenberské kroniky krrátký a summownj wýtah [Kurzer u. summar. Auszug aus d. Rosenberg. Chron.], hg. v. F. Palacký, in: Časopis Společnosti Wlastenského Museum w Čechách 2, 1828, H. 4, S. 39–88, hier S. 40–44;
    J. G. Sommer, Das Kgr. Böhmen, Bd. 9, 1841, S. 60–63;
    M. Pangerl, Die W., ihre Herkunft, ihre ersten Sitze u. ihre älteste Geneal., in: AÖG 51, 1873, S. 501–76;
    J. Šusta, Závišz Falkenštejna [Zawisch v. Falkenstein], in: Český časopis historický 1, 1895, S. 69–75, 246–59, 287–98 u. 384–92;
    N. Heermann’s Rosenberg’sche Chron., hg. v. M. Klimesch, 1897, S. 20–46;
    H. Zatschek, Die W. u. d. Besiedlung Südböhmens, in: Dt. Archiv f. Landes- u. Volksforsch. 1, 1937, S. 110–30;
    V. Vaníček, Vítkovci a český stát v letech 1169–1278 [Die W. u. d. böhm. Staat 1169–1278], in: Československý časopis historický 29, 1981, S. 89–110;
    ders., Die Fam.pol. d. W. u. d. strukturellen Veränderungen d. südböhm. Region im Staatenverband Kg. Přemysl II. Ottokars, in: Böhm.-österr. Beziehungen im 13. Jh., hg. v. M. Bláhová u. I. Hlaváček, 1998, S. 85–105;
    B. Němec, Rožmberkové, Životopisná encyklopedie panského rodu [Die Rosenberger, Biogr. Enz. d. Herrenstandsfam. R.], 2001;
    A. Kubíková, Rožmberské kroniky [Die Rosenberg-Chron.], 2005;
    L. Jan, Proces se Závišem a proměny královské vlády v letech 1289–1290 [Der Prozess gegen Zawisch u. d. Wandel d. kgl. Herrschaft 1289–1290], in: Český časopis historický 103, 2005, S. 1–40;
    R. Lavička, R. Šimůnek, Páni z Rožmberka 1250–1520, Jižní Čechy ve středověku [Die Herren von Rosenberg 1250–1520, Südböhmen im MA], 2011, passim;
    J. Jůna, Vítkovci a jejich rod [Die W. u. ihre Fam.], 6 Bde., 2011–21;
    J. Polách, Páni z Krumlova [Die Herren v. Krumau], 2014;
    L. Jan, Václav II. [Wenzel II.], 2015, passim;
    Die Rosenberger, Eine mitteleurop. Magnatenfam., hg. v. J. Pánek u. a., 2015 [2020], bes. S. 38–46 (tschech. 2011);
    – F. Seibt, Stifters „Witiko“ als kons. Utopie, in: Stifter-Jb. NF 9, 1971, S. 23–39, auch in: ders., Deutsche, Tschechen, Sudetendeutsche, hg. v. R. Luft u. a., 2002, S. 397–411;
    W. Wiesmüller, „Witiko“, in: Stifter-Hdb., hg. v. C. Begemann u. D. Giuriato, 2017, S. 109–19;
    Wurzbach 27, 1874, S. 12 (Vitek v. Rosenberg);
    F. L. Rieger, Slovník naučný IX, 1872, S. 1158;
    Ottův slovník naučný 27, 1907, S. 775–776;
    LexMA VII, 1995, Sp. 1033 (Rosenberg);
    LexMA IX, 1998, Sp. 266 f. (Witigonen), 494 f. (Zawisch v. Falkenstein);
    Biogr. Lex. Böhmen III, 2000, S. 33 f. (Neuhaus) u. 511 (Rosenberg);
    Biogr. Slg. d. Collegium Carolinum, München.

  • Autor/in

    Robert Luft
  • Zitierweise

    Luft, Robert, "Witigonen (Wittigonen, Vítkovci, Vitkonides)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 309-312 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd124910181.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA