Theunissen, Michael
- Dates of Life
- 1932 -2015
- Place of birth
- Berlin
- Place of death
- Berlin
- Occupation
- Philosoph ; Hochschullehrer
- Religious Denomination
- evangelisch-lutherisch
- Authority Data
- GND: 118621858 | OGND | VIAF: 73865674
- Alternate Names
-
- Theunissen, Michael
- Toÿnissen, Michael
Linked Services
- Katalog des Bibliotheksverbundes Bayern (BVB)
- Deutsche Digitale Bibliothek
- Normdateneintrag des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes (SWB)
- * Deutsches Literaturarchiv Marbach - Kallías
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- Gemeinsamer Verbundkatalog (GBV)
- * Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin
- Index Theologicus (IxTheo)
Relations
Genealogical Section (NDB)
Life description (NDB)
- Adolf Reinach (1883–1917)
- Brigitte Hilmer (geb. 1958)
- Christian Iber (geb. 1957)
- Edmund Husserl (1859–1938)
- Emil Angehrn (geb. 1946)
- Georg Lohmann (1948–2021)
- Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831)
- Günter Figal (1949–2024)
- Hinrich Fink-Eitel (1946–1995)
- Jean-Paul Sartre (1905–1980)
- Karl Löwith (1897–1973)
- Lore Hühn (geb. 1956)
- Ludwig Binswanger (1881–1966)
- Martin Buber (1878–1965)
- Max Müller (1906–1994)
- Pindar (geb. 522/18 v. Chr.)
- Søren Kierkegaards (1813–1855)
- Thomas Kesselring (geb. 1948)
- Tilo Wesche (geb. 1968)
- Uwe Justus Wenzel (geb. 1959)
- Wilhelm Weischedels (1905–1975)
Places
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Theunissen, Michael
1932 – 2015
Philosoph
Michael Theunissen war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hauptbereiche seiner Arbeit waren die Philosophie Søren Kierkegaards (1813–1855) und Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831), die moderne Sozialphilosophie und Phänomenologie, das Werk des altgriechischen Dichters Pindar (geb. 522/18 v. Chr.) sowie die archaische griechische Lyrik. Theunissens Wirksamkeit verdankt sich neben zahlreichen Publikationen einer langjährigen akademischen Lehre in Heidelberg und Berlin.
Dates of Life
Geboren am 11. Oktober 1932 in Berlin Gestorben am 18. April 2015 in Berlin Grabstätte Friedhof Zehlendorf in Berlin Konfession evangelisch-lutherisch -
Author
→Emil Angehrn (Basel)
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Citation
Angehrn, Emil, „Theunissen, Michael“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2024, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118621858.html#dbocontent
Theunissen besuchte Gymnasien in Berlin und Hamburg. Nach dem Abitur studierte er Philosophie und Germanistik in Bonn und Freiburg im Breisgau, wo er 1955 mit der Arbeit „Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard“ (1958) bei Max Müller (1906–1994) zum Dr. phil. promoviert wurde. Nach mehrjähriger Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent Wilhelm Weischedels (1905–1975) an der FU Berlin habilitierte er sich 1964 für Philosophie mit der Schrift „Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart“ (1965) und folgte 1967 einem Ruf als Professor für Philosophie an die Universität Bern. 1971 wechselte er nach Heidelberg, 1980 zurück an die FU Berlin, wo er auch nach seiner Emeritierung 1998 vielfältig tätig blieb.
Den Schwerpunkt von Theunissens Forschung bildete die Auseinandersetzung mit bedeutenden Autoren und wichtigen Strömungen der abendländischen Geistesgeschichte: Die Beschäftigung mit dem Denken Søren Kierkegaards (1813–1855) in seiner Dissertation spannte den für Theunissens weiteres Schaffen bestimmenden existenzphilosophischen und religiösen Rahmen auf; in seiner Habilitationsschrift analysierte er die Philosophie des Dialogs von Martin Buber (1878–1965) und anderen Vertretern dialogischen Denkens wie Adolf Reinach (1883–1917), Karl Löwith (1897–1973) und Ludwig Binswanger (1881–1966) in kritischer Gegenüberstellung zur Intersubjektivitätstheorie der modernen Phänomenologie, wie sie u. a. Edmund Husserl (1859–1938) und Jean-Paul Sartre (1905–1980) vertraten.
In seinen Monografien „Hegels Lehre vom absoluten Geist als politisch-theologischer Traktat“ (1970) und „Sein und Schein. Die kritische Funktion der Hegelschen Logik“ (1978), die zu gewichtigen Referenzwerken der Hegel-Forschung geworden sind, rückte Theunissen die Auseinandersetzung mit der klassischen Philosophie zugleich in den Horizont der kritischen Sozialphilosophie. Das letzte Hauptwerk, in dem Theunissen mehrjährige Arbeiten zur Vorgeschichte der europäischen Philosophie in einer integrierenden Darstellung zum Abschluss brachte, ist die monumentale Studie „Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit“ (2000). Theunissen vertiefte Aspekte des in diesen Untersuchungen durchmessenen intellektuellen und historischen Rahmens in zahlreichen weiteren Publikationen. Dazu zählen weiterführende Untersuchungen zu Kierkegaard, u. a. „Das Selbst auf dem Grund der Verzweiflung. Kierkegaards negativistische Methode“ (1991) und „Der Begriff Verzweiflung. Korrekturen an Kierkegaard“ (1993), sowie profilierte Aufsätze zur menschlichen Zeitlichkeit, die im Band „Negative Theologie der Zeit“ (1991) versammelt sind.
Theunissens Philosophie erhält ihr besonderes Profil durch drei Grundzüge: Erstens verbindet sie die historische mit der systematischen Ausrichtung philosophischer Arbeit. Zu Theunissens Werk gehören detaillierte philologische Analysen und eindringliche hermeneutische Auslegungen klassischer Texte. Dabei gilt das leitende Interesse sowohl dem Verständnis der Geschichte und der eigenen Zeit wie den grundlegenden inhaltlichen Fragen, mit denen sich die Philosophie, aber auch Kunst und Religion seit je beschäftigt haben. Der historische Fokus beschränkt sich nicht auf die zeitliche Kontextualisierung einzelner Autoren, sondern greift auf das Ganze der Geschichte aus, die zugleich aus dem Anfang und der archaischen Prägung des Denkens erhellt wird.
Zweitens verschränkte Theunissen fundamentalphilosophische Fragestellungen mit existentiellen Themen, welche die Lebensbedeutsamkeit der Philosophie hervortreten lassen. In besonderer Prägnanz kommt sie im menschlichen Umgang mit der Zeit zur Sprache, in dem Theunissen das Leiden unter der Herrschaft der Zeit in den Vordergrund rückte. Im Anschluss an Kierkegaard arbeitete er die Auseinandersetzung mit dem Negativen, das in Grundaffekten wie Angst und Verzweiflung erfahren wird, als zentrales Motiv moderner Philosophie heraus. Der „negativistische“ Charakter bestimme ein Denken, das sich des Wahren im Ausgang vom Falschen versichere, in der Durchdringung eines Negativen, das zugleich über sich hinausweise.
Drittens trat Theunissen in einen Dialog mit außerphilosophischen Traditionen und widmete sich ebenso einer vertieften Rezeption vorphilosophischer und außerwissenschaftlicher Zeugnisse wie Forschungen aus unterschiedlichen Disziplinen, namentlich der Theologie, der Klassischen Philosophie und der Psychiatrie. Einen besonderen Rang nahmen Religion und Kunst ein, mit denen die Philosophie, die nicht in einer wissenschaftlichen Disziplin aufgeht, eine Gemeinsamkeit teile, die eine Grundschicht ihrer selbst ausmache und sie dazu bestimme, in Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Leben und der Negativität von Leid und Bösem sich auf die Transzendenz zu öffnen.
Zu Theunissens Schülerinnen und Schülern zählen Emil Angehrn (geb. 1946), Günter Figal (1949–2024), Hinrich Fink-Eitel (1946–1995), Brigitte Hilmer (geb. 1958), Lore Hühn (geb. 1956), Christian Iber (geb. 1957), Thomas Kesselring (geb. 1948), Georg Lohmann (1948–2021), Uwe Justus Wenzel (geb. 1959) und Tilo Wesche (geb. 1968).
2003 | Dr. phil. h. c., Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Luzern |
2005 | Dr. theol. h. c., Universität Göttingen |
2001 | Dr. Leopold Lucas-Preis der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen |
2004 | Karl-Jaspers-Preis der Stadt Heidelberg, der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Universität Heidelberg |
2015 | Hegel-Preis der Stadt Stuttgart |
Nachlass:
Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar. (weiterführende Informationen)
Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard, 1958. (Diss. phil.)
Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart, 1965. (Habilitationsschrift)
Gesellschaft und Geschichte. Zur Kritik der kritischen Theorie, 1969.
Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat, 1970.
Die Verwirklichung der Vernunft. Zur Theorie-Praxis-Diskussion im Anschluss an Hegel, 1970.
Sein und Schein. Die kritische Funktion der Hegelschen Logik, 1978.
Hans Friedrich Fulda/Rolf-Peter Horstmann/Michael Theunissen, Kritische Darstellung der Metaphysik. Eine Diskussion über Hegels „Logik“, 1980.
Kritische Theorie der Gesellschaft. Zwei Studien, 1981.
Selbstverwirklichung und Allgemeinheit. Zur Kritik des gegenwärtigen Bewusstseins, 1982.
Negative Theologie der Zeit, 1991.
Das Selbst auf dem Grund der Verzweiflung, 1991.
Der Begriff Verzweiflung. Korrekturen an Kierkegaard, 1993.
Pindar. Menschlos und Wende der Zeit, 2000.
Reichweite und Grenzen der Erinnerung, 2001.
Schicksal in Antike und Moderne, 2004.
Emmanuel Siregar, Sittlich handeln in Beziehung. Geschichtliches und personales Denken im Gespräch mit trinitarischer Ontologie, 1995.
Susanne Scharf, Zerbrochene Zeit – gelebte Gegenwart. Im Diskurs mit Michael Theunissen, 2005.
Tilo Wesche, Art. „Theunissen, Michael“, in: Thomas Bedorf/Andreas Gelhard (Hg.), Die Deutsche Philosophie im 20. Jahrhundert. Ein Autorenhandbuch, 22015, S. 283–286.
Emil Angehrn, Zum Gedenken an Michael Theunissen [Laudatio anlässlich der Verleihung des Hegel-Preises], in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 64 (2016), S. 132–139.
Festschriften:
Emil Angehrn/Hinrich Fink-Eitel/Christian Iber/Georg Lohmann (Hg.), Dialektischer Negativismus. Michael Theunissen zum 60. Geburtstag, 1992.
Markus Hattstein/Christian Kupke/Christoph Kurth/Thomas Oser/Romano Pocai (Hg.), Erfahrungen der Negativität. Festschrift für Michael Theunissen zum 60. Geburtstag, 1992. (P)
Emil Angehrn/ Christian Iber/Georg Lohmann/ Romano Pocai (Hg.), Der Sinn der Zeit [Michael Theunissen zum 70. Geburtstag], 2002.
Nachrufe:
Richard Klein, Selbstüberschreitung der Philosophie. Zum Tod Michael Theunissens, in: Musik & Ästhetik 19 (2015), H. 75, S. 51–57.
Günter Figal, Am Anfang und am Ende steht die Dichtung. Sein Denken galt dem Leben. Zum Tod des Philosophen Michael Theunissen, in: Süddeutsche Zeitung v. 21.4.2015, S. 12.
Fotografie v. Karl-Heinz Eiferle (gest. 2021), Archiv der Freien Universität Berlin.