Leppmann, Arthur Silvius
- Lebensdaten
- 1854 – 1921
- Geburtsort
- Raudten (Schlesien, heute Rudna, Polen)
- Sterbeort
- Berlin
- Beruf/Funktion
- Gefängnisarzt ; Gerichtspsychiater
- Konfession
- unbekannt
- Normdaten
- GND: 117640409 | OGND | VIAF
- Namensvarianten
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- Leppmann, Arthur Silvius
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Leppmann, Arthur Silvius
1854 – 1921
Gefängnisarzt, Gerichtspsychiater
Arthur Leppmann war einer der bedeutendsten deutschen Forensiker vor dem Ersten Weltkrieg. Er trug maßgeblich zum fachlichen und populärwissenschaftlichen Diskurs in der forensischen Medizin, insbesondere in der forensischen Psychiatrie, bei und nahm in seinen zahlreichen Publikationen zu fast allen kriminologischen und pönologischen Themen seiner Zeit Stellung.
Lebensdaten
Geboren am 31. Dezember 1854 in Raudten (Schlesien, heute Rudna, Polen) Gestorben am 11. Mai 1921 in Berlin Konfession jüdisch -
Autor/in
→Eric J. Engstrom (Berlin)
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Zitierweise
Engstrom, Eric·J., „Leppmann, Arthur Silvius“ in: NDB-online, veröffentlicht am 1.4.2025, URL: https://www.deutsche-biographie.de/117640409.html#dbocontent
Beruflicher Werdegang
Nach dem Abitur am Evangelischen Gymnasium in Groß Glogau (Schlesien, heute Głogów, Polen) 1873 studierte Leppmann Medizin an den Universitäten in Breslau (Schlesien, heute Wrocław, Polen), Leipzig und Freiburg im Breisgau. Seit 1876 arbeitete er als Voluntärarzt in der psychiatrischen Provinzial Irrenanstalt in Leubus (Schlesien, heute Lubiąż, Polen) und seit 1879 als II. Arzt an der Psychiatrischen Klinik des Allerheiligen-Hospitals in Breslau. 1877 wurde Leppmann zum Dr. med. promoviert. Seit 1886 niedergelassener Nervenarzt in Breslau, wurde er 1889 an das Zellengefängnis Moabit in Berlin berufen, wo er bis zu seinem Tod als Gefängnisarzt und Leiter der ersten Beobachtungsstation für geisteskranke Straftäter an einem preußischen Gefängnis wirkte. 1895 wurde er Bezirksphysikus und gründete die „Ärztliche Sachverständigen-Zeitung“, mit der er zum fachwissenschaftlichen Diskurs in der forensischen Medizin, insbesondere der forensischen Psychiatrie, beitrug. Seit 1911 war Leppmann Mitglied des Medizinalkollegiums für die Provinz Brandenburg. Im Ersten Weltkrieg diente er als ärztlicher Leiter der Nervenstation des Garnisonlazaretts I in Berlin.
Gefängnis- und gerichtsärztliche Ansichten
Leppmanns Denken wurde von dem Anstaltspsychiater Heinrich Neumann (1814–1884) sowie dem einflussreichen Direktor des Zellengefängnisses Moabit und Dezernenten für das Gefängniswesen im preußischen Innenministerium, Karl Krohne (1836–1913), geprägt. Leppmann betrachtete Kriminalität als soziales und nicht als pathologisches Phänomen. Wie die meisten Zeitgenossen lehnte er die Atavismus-Theorie Cesare Lombrosos (1835–1909) ab und konstatierte, dass nicht einzelne Körpermerkmale, sondern die gesamte Lebensführung und Persönlichkeit bei Straffälligkeiten zu berücksichtigen seien. Er unterschied bei den psychisch erkrankten Straftätern zwischen „wirklich Geisteskranken“ und „Minderwertigen“, worunter er Individuen verstand, die, an der Grenze zwischen geistiger Gesundheit und Krankheit, kognitive Defizite infolge von angeborenen oder erworbenen Hirnschädigungen aufwiesen. Daher forderte er einen umsichtigen, individualisierenden Umgang mit psychisch gefährdeten Insassen durch die planmäßige Hinzuziehung von Gefängnisärzten während und nach der Inhaftierung. In diesem Zusammenhang forderte er eine Ausdifferenzierung der Gerichtsmedizin und ihre Aufwertung gegenüber der staatlich stärker geförderten Hygiene.
Als Vorstandsmitglied der deutschen Landesgruppe der Internationalen Kriminalistischen Vereinigung in Strafrechtsreformdebatten involviert, plädierte Leppmann für eine gesetzliche Verankerung des Begriffs der „geistigen Minderwertigkeit“ und die Möglichkeiten der bedingten Strafaussetzung und der vorläufigen Entlassung von sog. Strafvollzugsunfähigen. Diese Forderungen fanden aber keinen Eingang in das Strafgesetzbuch.
Werk und Wirkung
Als Leiter der ersten sog. Irrenstation in einem preußischen Gefängnis wurde Leppmann zu einem gefragten Experten in Sachen geisteskranke Verbrecher und Gefängnishygiene. Die Moabiter Beobachtungsstation wurde zum Vorbild für weitere Gründungen, etwa in Breslau (1898), Münster (1900), Köln (1900) und Halle an der Saale (1901). Als Bezirksphysikus war er an zahlreichen, z. T. aufsehenerregenden Prozessen als Gutachter in Berlin beteiligt, z. B. im Zusammenhang mit der Allenstein-Affäre 1907 und im Fall des rumänischen Hochstaplers Georg Manolescu (1871–1908). Mit Krohne führte er Versuche über Gefangenenernährung und mit Paul Ehrlich (1854–1915) klinische Versuche über die schmerzstillende Wirkung von Methylenblau an Insassen der Moabiter Beobachtungsstation durch. Zudem beteiligte er sich an umfangreichen statistischen Erhebungen zu hygienischen Verhältnissen in preußischen Gefängnissen. Er hielt kriminalistische Kurse über „Geisteskrankheit und Verbrechen“, verfasste Ratgeberliteratur zum Umgang mit psychischen Kranken und populärwissenschaftliche Schriften über den Einfluss von Kultur sowie pflanzlichen Genussmitteln auf die menschliche Gesundheit. Mit den Handbüchern, „Die Sachverständigen-Thätigkeit bei Seelenstörungen“ (1890) und dem „Der Kreisarzt“ (1900, 2 Bde., 61906) beeinflusste er die Begutachtungspraxis in Deutschland bis in die Weimarer Republik.
1893 | Mitglied der Internationalen Kriminalistischen Vereinigung (seit 1895 Vorstandsmitglied der deutschen Landesgruppe) |
1897 | Sanitätsrat |
1902 | Medizinalrat |
1913 | Geheimer Medizinalrat |
1895 | Vorstandsmitglied der Ärzte-Kammer für die Provinz Brandenburg und des Stadtkreises Berlin |
Mitglied der Berliner Medizinischen Gesellschaft | |
Mitglied der Berliner Forensisch-Medizinischen Vereinigung (stellvertretender Vorsitzender) | |
Mitglied der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Landesarchiv Berlin, A Rep. 341 Nr. 27521. (Erbschein)
Monografien:
Über epidemische Geisteskrankheiten, 1885.
Die Sachverständigen-Thätigkeit bei Seelenstörungen. Ein kurzgefasstes Handbuch für die ärztliche Praxis, 1890.
Die ärztliche Fürsorge für Geisteskranke ausserhalb der Anstalt, 1891.
Der seelisch Belastete und seine ärztliche Ueberwachung, 1893.
Der Minderwertige im Strafvollzug. Ein Leitfaden für die Gefängnis-Praxis, 1912.
Aufsätze:
Über die Irren-Versorgung der Stadt Breslau, in: Sechzigster Jahres-Bericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur (1883), S. 110–117.
Gerichtliche Psychiatrie, in: Isaak Schlockow (Hg.), Der preussische Physikus, 21889, S. 177–274.
Paul Ehrlich/Arthur Leppmann, Ueber schmerzstillende Wirkung des Methylenblau, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 19 (1890), H. 23, S. 493 f. (Onlineressource)
Die Fürsorge für geisteskranke Strafgefangene, in: Offizieller Bericht über die Zehnte Hauptversammlung zu Berlin, hg. v. Preussischen Medizinalbeamten-Verein (1893), S. 80–96.
Ueber zweckmässige Gefangenenbeköstigung, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 23 (1891), S. 413–432.
Ueber Körperpflege und Desinfection in Strafanstalten, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 25 (1893), S. 53–70.
Die criminalpsychologische und criminalpraktische Bedeutung des Tätowirens der Verbrecher, in: Vierteljahresschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen 3. F. 8 (1894), H. 2, S. 193–218.
Strafvollzug und Geistesstörung, in: Jahrbücher für Kriminalpolitik und innere Mission 1 (1895), S. 236–256 u. 677 f.
Die strafrechtliche Behandlung der geistig Minderwertigen, in: Aerztliche Sachverständigen-Zeitung 10 (1904), H. 17, S. 341–347.
Der Einfluß der Kultur auf die Gesundheit des Menschen, in: Hans Kraemer (Hg.), Weltall und Menschheit. Geschichte der Erforschung der Natur und der Verwertung der Naturkräfte im Dienste der Völker, Bd. 5, 1904, S. 393–412.
Strafvollzugsunfähigkeit, in: Aerztliche Sachverständigen-Zeitung 11 (1905), H. 19, S. 383–387.
Die pflanzlichen Genussmittel und ihre Wirkung auf den Menschen, in: Hans Kraemer (Hg.), Der Mensch und die Erde. Die Entstehung, Gewinnung und Verwertung der Schätze der Erde als Grundlagen der Kultur, Bd. 4, 1908, S. 405–444.
Irrenärztliche Tagesfragen, in: Berliner Klinische Wochenschrift 48 (1911), H. 46, S. 2053–2056 u. H. 48, S. 2115–2117.
Psychiatrische und nervenärztliche Sachverständigentätigkeit im Kriege, in: Curt Adam (Hg.), Kriegsärztliche Vorträge, Bd. 4, 1917, S. 33–54.
N. N., Geh. Medizinalrat Dr. Art[h]ur Leppmann, in: Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift 16 (1915), H. 45/46, S. 392.
N. N., Arthur Leppmann †, in: Ärztliche Sachverständigen-Zeitung 27 (1921), H. 11, S. 125–127.
Alma Kreuter, Art. „Leppmann, Arthur“, in: dies. (Hg.) Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, Bd. 2, 1996, S. 844–846. (W, L)